Meine ersten drei Monate als Bideshi in Bangladesch

Hallo ihr Lieben! Ich hab mir gedacht, dass ich hier einfach meine Quartalsberichte veröffentlich damit ihr auch mal was von mir hört :).

 

Seit drei Monaten lebe ich nun also schon in Baya, einem kleinen Dorf im District Rajshahi (Bangladesch). In dieser Zeit hab ich auf der einen Seite sehr viel erlebt und gelernt und auf der anderen Seite ist leider auch viel nicht passiert oder nicht so gewesen wie ich es erwartet hatte.

Angefangen hat mein weltwärts Jahr ziemlich abenteuerlich, denn ich habe meinen Anschlussflug in Istanbul verpasst und durfte dadurch ein Nacht auf dem Flughafen in Istanbul verbringen. Endlich in Dhaka angekommen, gab es dann direkt das nächste Drama – mein Gepäck war verloren gegangen. Das klingt erst einmal gar nicht so schlimm, wenn man nicht die Berge an vermisstem und fehlgeleitetem Gepäck, welche sich im Lost and Found Bereich türmten, gesehen hat. Zum Glück gab es aber nach vier Tagen voll Bangen und Hoffen ein überglückliches Wiedersehen mit meinem Rucksack.

Besagte vier Tage habe ich in einer Gastfamilie in Dhaka verbracht, welche sich rührend um mich und Henning gekümmert hat. Mr. Massud, unser Gastvater war besonders darum bemüht uns möglichst viel von der Stadt zu zeigen, was zur Folge hatte, dass ich zum Teil schon um fünf Uhr morgens aufstehen musste (trotz Jet lag! ;D), um dann kurz aus dem Auto auszusteigen, ein Foto zu schießen und weiterzufahren. Der Satz ‚just take a snap‘ hat sich fest in mein Gehirn eingebrannt.

Während diesen Sightseeing trips ist mir schnell klargeworden, dass viele Bangladeschis es nicht gewöhnt sind Ausländer zu sehen, denn anstatt Fotos von den imposanten Monumenten und Bauwerken zu machen, wurden fast ausschließlich Henning und ich fotografiert. Zum Glück hatten wir Massud dabei, der uns irgendwann von den Menschenmassen erlöste und mit uns weiterfuhr.

Diese Menschentrauben bildeten sich aber nicht nur in Dhaka um uns, sondern auch hier in Rajshahi. In Baya selber gewöhnen sich die Menschen langsam an uns, wir werden zwar immer noch angestarrt, aber längst nicht mehr so schlimm wie am Anfang. Viele Menschen hier haben mir auch erzählt, dass ich die erste Ausländerin sei, die sie je gesehen hätten. Nicht selten jagen auch Fahrräder neben unseren Autos (dreirädrige, kleine Elektroautos) her oder andere Fahrzeuge werden langsamer um uns besser angucken zu können. Um ehrlich zu sein, warte ich auf den Tag an dem ich allein durch meine Anwesenheit einen Verkehrsunfall verursache. Nicht selten werde ich mittlerweile auch von mir völlig Fremden mit Namen angesprochen. Das ist oft ziemlich witzig, kann manchmal aber auch echt zu viel und anstrengend werden. Letztens kam ein kleiner Junge auf mich und eine Kollegen zu und hat ihr genau erzählen können in welchem Laden ich wie viele Rollen Klopapier gekauft habe. Ganz wichtig ist auch immer die Frage ‚Isst du Reis?‘, die mich jedes mal wieder zum Lachen bringt. Am besten ist dabei der meistens völlig entgeisterte Blick, wenn man die Frage mit ‚ein wenig‘ beantwortet.

Reis wird hier nämlich morgens, mittags und abends in den verschiedensten Variationen in riesigen Mengen verputzt. Gegessen wird mit der rechten Hand, was sich für mich als eine ziemliche Herausforderung gestaltet. Meistens landet ein Großteil des Essens auf dem Boden, das sorgt immer für die Belustigung aller Anwesenden. Ich hätte nie geglaubt, dass das so schwer sein würde Reis mit der Hand zu essen :), aber ich hab ja noch neun Monate um das zu Lernen. In dieser Zeit werde ich mich bestimmt auch noch an die Schärfe des bengalischen Essens gewöhnen, im Moment kocht Polly für uns zum Glück aber noch ’spice-less‘ (immer noch ziemlich scharf).

Polly wohnt, genau wie Henning und ich, mit ihrer Familie auf dem Gelände der Organisation. Außerdem haben hier noch zwei weitere Kolleginnen ein Zimmer. Allerdings haben wir die einzigen zwei Zimmer mit Bad. Obwohl sich die Kommunikation als sehr schwierig gestaltet, sind wir hier zu einer Art kleinen Familie zusammengewachsen.

Mein Bengalisch ist immer noch nicht ausreichend um ein richtiges Gespräch zu führen, was ja an sich kein Problem wäre, aber in der Organisation spricht nur unser Mentor Shahid Englisch. Und auch sonst kennen wir vielleicht fünf weitere Personen die Englisch beherrschen. Das macht jede Kleinigkeit unglaublich kompliziert, denn selbst Grundkenntnisse kann man nicht erwarten. Durch diese schlechten Englischkenntnisse sind auch so einige lustige Situationen entstanden. Zum Beispiel wurde Henning gefragt ‚Do you mind sleeping with my son?‘, was so viel heißen sollte wie ‚macht es dir was aus in einem Zimmer mit meinem Sohn zu schlafen‘.

Problematisch dabei ist, dass ich mich dadurch mit niemandem wirklich unterhalten und erklären kann, warum ich jenes grade lustig oder seltsam finde. Seit einer Woche haben wir jetzt endlich richtige Bengalischlehrer bekommen, zuvor wurde uns immer von Shahid erzählt, dass es in Rajshahi keine Institution zum Bengalisch Lernen gäbe und wir zunächst einen Kurs in Dhaka hätten machen sollen. Außerdem hätte er uns am Anfang ja eine Liste an Vokabeln gegeben, die völlig ausreichen würde. Die reichen auch aus um zu überleben, also um zu sagen was einem fehlt oder was man essen möchte, aber nicht zum Arbeiten oder für ein ordentliches Gespräch.

Die Arbeit ist ein weiterer Punkt den ich mir wesentlich einfacher vorgestellt hätte, wir sind nun seit drei Monaten hier und haben noch nicht einen Tag wirklich gearbeitet. Man vertröstet uns immer damit, das sobald wir Bengalisch sprechen, Arbeit bekommen. Ich kann völlig verstehen, dass Partner nicht weiß, was sie mit uns anfangen sollen, weil es halt keine Arbeit gibt, die wir machen können ohne die Sprache zu beherrschen, aber so langsam macht mich das Nichts-zu-tun-haben echt fertig. Zwischendurch gab es zwar ein Phase in der ich viel mit auf die Dörfer gefahren bin und an den verschiedenen Trainings und Workshops von Partner als Zuschauer teilgenommen habe. Das war auch wirklich interessant und vor allem habe ich viel gesehen, mithelfen konnte ich allerdings selten. Ich hätte nicht ohne Sprachkenntnisse hierherkommen sollen soviel steht nun fest, doch der Zug ist leider abgefahren und jetzt hoffe ich einfach, das wir mithilfe unserer Lehrerinnen schnell Fortschritte machen und dann Arbeit bekommen. Der erste Schritt in die richtige Richtung ist aber immerhin nun schon einmal gemacht.

Seit circa zwei Wochen nehme ich jetzt Tanzstunden gegen die Langeweile und um mal ein wenig raus zukommen. Das macht mir wirklich Spaß, hier ist die Sprache zwar auch ein Hindernis, aber kein großes Problem. Wenn ich mal etwas nicht verstehe, dann wird mir das einfach so oft erzählt bis ich es zumindest im Ansatz verstanden habe. Ich durfte sogar schon nach drei Tagen bei einer großen Aufführung mitmachen und die Durga (Göttin) spielen.

Aber auch für eine „Göttin“ gibt es keine Ausnahme in Sachen Stromausfälle. An die habe ich mich immer noch nicht so wirklich gewöhnen können, obwohl täglich mindestens zwei bis dreimal das Licht ausgeht. Jetzt im Winter ist das nicht allzu schlimm, da ich nicht mehr so abhängig von meinem Ventilator bin, aber nervig ist es trotzdem.

Ein weiterer Vorteil des Winters ist, das bald alle Blumen in Blüte stehen. Darauf freue ich mich jetzt schon. Natürlich ist die Landschaft hier auch sonst atemberaubend schön, besonders toll fand ich den Monsun. Der hat zwar auch so einige Sachen behindert, da viele Geschäfte (eigentlich fast alle) schließen und kaum Autos mehr fahren sobald es zu regnen anfängt, dennoch ist er meiner Meinung nach wunderschön.

So ich denke, dass reicht für einen kurzen Einblick in meine letzten drei Monate am anderen Ende der Welt. Es liegt noch viel Arbeit vor mir, bevor ich das Jahr einen Erfolg nennen kann. Henning und ich haben aber unsere Probleme mit Lima und Nila (zwei Mitarbeiterinnen der Organisation) besprochen und jetzt arbeiten wir gemeinsam daran die Situation zu verbessern. Ich hoffe einfach ganz stark, dass wir bald eine Aufgabe finden/bekommen.

 

Valo tako!

 

Laura

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