Quartalsbericht Nr. 3

Heute Mittag hat mir ein Kellner einen Rand erlassen. Das war der schönste Moment des Tages.

agave

Agave im Tokai Forest

Eigentlich wollte ich im Tokai Forest wandern gehen und vielleicht ein paar Fotos machen, da mit meiner Kamera im Dezember auch ungefähr 250 Fotos verloren gegangen sind (wofür ich mich noch immer verfluche). Im Zuge der Feuer war die Gegend jedoch zur „Disaster Area“ deklariert worden und somit abgesperrt und bewacht, sodass ich mich in ein nahegelegenes Café setzte und mich in besagter, überaus peinlicher, Situation wiederfand.

baum

Baum im begehbaren Teil des Tokai Forest

Zwar ist ein Rand zugegebenermaßen nicht sehr viel aber die Geste war entscheidend.

Es fällt mir in vielen Cafés, Restaurants und Bars immer wieder auf, dass, gerade in gut situierten Gegenden, die Kundschaft fast ausschließlich weiß, die Bedienung jedoch schwarz ist.

 

Luxusapartments

Luxusapartments in Simonstown

Die Beziehung zwischen den verschiedenen Ethnien ist mitunter sehr gespannt. Ein „die und wir“ denken ist in den Köpfen noch total verankert, nur ist es mittlerweile so, dass jede Bevölkerungsgruppe nun die Plattform erhält, sich rassistisch gegenüber einer anderen zu äußern. So gibt es Weiße die den Schwarzen vorwerfen das Land zu verwüsten und Schwarze die den  Weißen vorhalten, sie seien wie Hitler. Jeder beschuldigt irgendwie jeden und so entwickelt sich ein Kreis der Animosität, bei dem die Grenzen nicht statisch sind. Viele Coloureds fühlen sich von der ANC Regierung nicht genügend repräsentiert und denken, dass es nun auch nicht viel besser sei, als während der Apartheid. Daraus resultiert vielleicht auch, dass die kriminellsten Teile der Stadt, vor allem die Cape Flats, in denen die höchste Rate an Gewaltdelikten und des Tikkonsums herrschen prädominant Coloured sind, nebenbei wimmelt es hier auch von Wachhunden, nicht selten Pitbulls, die falsch gehalten werden. Eigentlich bräuchte es eine Generalamnesie, ein kollektives Vergessen. Doch dass das nicht möglich ist, versteht sich, wenn man sich die Gegenden anschaut, in denen vor allem Weiße und diejenigen, in denen vor allem Schwarze leben. Man kann die Hautfarbe eines Menschen und dessen Lebensumstände schon erraten, wenn man seinen Wohnort weiß. Es existieren teilweise noch parallele Gesellschaften, deren Schnittpunkte sich aber vermehren. Trotzdem sind an der UWC die Studenten zu 95% schwarz und an den staatlichen Studentenwohnheimen lebt, so weit ich weiß kein einziger Weißer. Die südafrikanische Literaturnobelpreisträgerin Nadine Gordimer drückt es in ihrem frühen Roman „A World of Strangers“, in dem der Protagonist ständig zwischen weißen upper-class Festivitäten und schwarzen Townshippartys wechselt, so aus: „I passed from one world into another – but neither was real for me. For in each, what sign was there that the other existed?“

Dazu kommt eine grassierende Ausländerfeindlichkeit, vor allem gegen afrikanische Ausländer, die sich zum Beispiel durch xenophobe Attacken in Durban und Johannesburg manifestiert hat, gegen die es allerdings auch landesweite Proteste gab.

Shacks

Shacks in Lwandle

In der Öffentlichkeit wird sehr viel vom Ubuntu Spirit gesprochen. Ubuntu ist ein philosophischer Ansatz, der sich im Kern in etwa mit dem Satz „Ein Mensch ist ein Mensch durch Andere“ zusammenfassen lässt. Das geflügelte Wort Ubuntu, das übersetzt Menschlichkeit bedeutet, ist in aller Munde. Nur wird in diesem Fall leider zu viel geredet und zu wenig getan.

 

NIEEEEEEEEEEEEEEEAAAAUUUUWWWWW!!!

Welcher geisteskranke Idiot hat diese Schulsirene programmiert?

Ende der Bandprobe, jetzt direkt zur Deutschklasse, die sich noch immer recht schwer tut mit einigen Dingen. Heute ist der letzte Tag, bevor die Examensphase beginnt. In der werden dann drei Wochen lang nur Klausuren geschrieben und der normale Unterricht findet nicht mehr statt.

Es gibt einige seltsame Regelungen im Schulsystem. Aufgrund der englischen Kolonialzeit ist es sehr britisch geprägt. Die Schüler tragen zum Beispiel Schuluniformen, was sie jedoch nicht davon abhält einander auszugrenzen… Jeden Montag ist außerdem Assembly auf dem Pausenhof, bei dem der Schulleiter eine „motivierende“ Rede hält und die Schülerschaft auf die Woche eingestimmt wird. Eine sehr seltsame Prozedur – insgesamt wirkt die Schule so, als wolle sie sehr diszipliniert sein, schafft es jedoch nicht ganz.

Allerdings ist South Peninsula High School, was musikalische (auch schauspielerische/tänzerische) Angebote angeht, den meisten deutschen Schulen weit voraus. Bei weniger relevanten Fächern können die Schüler zum Beispiel an bestimmten Stunden in der Woche fehlen um Instrumentalunterricht zu erhalten. Für fast jedes Instrument hat die Schule lokale Musiker angestellt, die ihre Expertise weitergeben können. Dadurch, und durch die verschiedenen Bands und Projekte, können die begabten Musiker genau die Förderung und Forderung erhalten, die sie brauchen. Darüber hinaus gibt es eine Drama Klasse und verschiedene Tanzkurse. Das liegt auch daran, dass die Schule einen Fokus auf Arts & Culture legt und darin auch von der Stadt Kapstadt subventioniert wird. Viele der Lehrer an der Schule sind jedoch nicht sehr zufrieden mit dem System, da einige Schüler den Vorwand auch gerne mal nutzen, um zu schwänzen.

vormkonzert

Vorbereitungen vor einem Konzert

Jedoch sind viele der Schüler wirklich erstklassige Instrumentalisten und auch die Senior Band verdankt ihr Niveau dieser Regelung. Zwei der Bandmitglieder spielen auch beim Artscape Youth Jazz Festival mit. Oftmals muss man an der Schule, jetzt da die Examenszeit angebrochen ist aber auch geduldig sein und abwarten, was sich für Aufgaben ergeben, da keine normalen Klassen mehr stattfinden.

 

Mist, jetzt war eben der Strom wieder ausgegangen und dadurch habe ich jetzt zwei Absätze verloren, weil ich nicht zwischengespeichert hatte.

Mittlerweile ist es sieben Uhr abends und wegen des Winters schon komplett dunkel. Vielleicht sollte man in Deutschland auch mal Load Shedding einführen, um dem demographischen Wandel (hin zu einer immer älteren Gesellschaft) beizukommen.

Wegen des Winters wirds hier am Abend und am Morgen zudem auch sehr kalt, feucht und zügig, da die Verglasung der Fenster nur millimeterdick ist, die Häuser nicht isoliert sind und keine Heizung haben. Tagsüber ist es oftmals (wenn es nicht gerade am regnen ist) noch sehr schön und sonnig aber wenn man abends drinnen sitzt, dann kann es schon mal vorkommen, dass man sich in diverse Decken einmummelt, da es sonst schlichtweg zu kalt wäre.

 

tikrauchender

Eines der Fotos von einem Tik rauchenden jungen Mann

An der Universität ist eigentlich alles wie gehabt. Ich konnte einige Male einer Diskussionsgruppe beiwohnen, bei der Studenten über Beziehungen, über Kultur und die Rollen von Männern und Frauen gesprochen haben. Es war sehr interessant, auch die intimeren Gedanken und Schwierigkeiten der Studenten näher kennen zu lernen. Ich konnte auch mitdiskutieren und habe das auch gemacht, allerdings nicht bei allen Themen, da sich die Diskussion auch viel um kulturelle Praktiken, wie den Initiationsritus der Xhosa, die Beschneidung drehte.

Postergestaltung

Schüler bei der Gestaltung eines Posters

Das Life Skills Programm ist außerdem in die dritte Phase gegangen, bei dem die Schüler mit ihren Fotos Poster gestalten mussten. Einige der Fotos sind wirklich erstaunlich gut geworden, andere wiederum sind kaum gelungen und man merkt wirklich, welche Gruppen sich Mühe gegeben haben und das sind nicht immer die Gruppen aus den behüteten Vierteln, sondern oft auch die aus den Ghettos, wie Bonteheuwel, wo eine Gruppe, was Farbabstimmung, Kontraste und Motive anbelangt, wirklich fantastische Fotos geschossen hat.

Poster

Fertiges Poster

Bei der Gestaltung der Poster war es mitunter allerdings schwierig die Kinder unter Kontrolle zu behalten. Auch weil wir zum Schablonen malen und für die Farbgestaltung Sprühdosen zur Verfügung gestellt hatten. Diese Sprühdosen wurden den Leuten dann immer wieder von einem vorbei laufenden Schüler entrissen, der dann JFK („Junkie Funky Kids, eine lokale Gang) oder so mit ihnen an eine Wand sprühte. Mit etwas Autorität und Aggressivität konnte man ihnen die  Dosen dann aber wieder abnehmen. Meine bevorzugte Taktik war, ganz nah an das Gesicht desjenigen heranzukommen, ihm in die Augen zu sehen und mit lauter deutlicher Stimme zu fragen, für wen er sich verdammte scheiße nochmal halte. In einer Woche findet die große Konferenz, auf der alle Poster präsentiert werden statt und ich bin schon gespannt, was sonst noch so entstanden ist. Die Konferenz findet etwas verspätet zum Anlass des Youth Days in Südafrika am 16. Juni statt, der an die vielen Jugendlichen, die während der Zeit der Apartheid gestorben sind, erinnern soll.

 

Ansonsten macht mir Kapstadt immer noch großen Spaß; die Mother City ist einfach eine großartige Stadt, die ihresgleichen sucht.

Allerdings ist die Sicherheitslage immer noch bedenklich, da zum Beispiel vor drei Wochen hier in der Straße eingebrochen wurde und die fliehenden Einbrecher Schüsse abgefeuert haben. Einer der Einbrecher wurde dann von der Nachbarschaft, die während dieser Zeit das erste Mal wirklich vereinigt wirkte, gefangen und komplett gelyncht. Bis die 500 Meter entfernte Polizei kam, dauerte es dann noch eine Dreiviertelstunde.

Hütten

Hütten am Strand von Muizenberg

Dementsprechend wächst auch meine Vorfreude auf Deutschland ein wenig, da es auch einfach einschränkend und sehr stressig ist, nach Anbruch der Dunkelheit, also zurzeit gegen 6 zu Hause sein zu müssen und nicht mehr raus zu können. Das vermittelt ein gewisses klaustrophobisches, leicht paranoides Grundgefühl. Man lernt einfach auch zu schätzen, dass es ist Deutschland vergleichsweise so sicher ist und ich kann mir gut vorstellen dies, wenn ich wieder in Deutschland bin auch ganz anders genießen zu können.