Glaube & Sport

fisch

Frischer Snoek + Fliegen

Anfang April gab es in Retreat an jeder Ecke Fisch zu kaufen, dass ich mich wunderte, ob denn der Fischkonsum während meines zweiwöchigen Urlaubs derart angestiegen oder ob die Hauptfangzeit gerade erst angebrochen war. Tatsächlich wird in Südafrika, insbesondere in Kapstadt zu jeder Jahreszeit viel Fisch gegessen und gefangen, was aufgrund der zwei benachbarten Ozeane ja auch nahe liegt. Der Fisch ist meistens frisch (wobei er im Freien von Fliegen umschwärmt verkauft wird) und manchmal brüstet man sich damit, dass Fish & Chips hier wesentlich besser schmecke als in England. Doch selbst, wenn man das im Hinterkopf behält, hatte der Fischverkauf in der ersten Aprilwoche doch ein beträchtliches Ausmaß angenommen.

Am Ostersonntag, den 05.04., wurde mir dann auch klar warum. Nachdem ich die Nacht über in einem Jazzclub war und erst am Sonntagmorgen nach Hause kam, war der Lunch, das Mittagessen, dass es bei uns nur Sonntags gibt, schon fast angerichtet. Er bestand aus … Fisch!

angler

Angler in Kalk Bay

Dazu gab es ein Zimtgebäck mit Rosinen und Zuckergusskreuz obendrauf sowie etwas Salat. Das war die einzige Kost an diesem Tag und hatte selbstverständlich religiöse Gründe. Das griechische Wort für Fisch, ICHTHYS, dessen Anfangsbuchstaben als Kürzel für „Jesus Christus Gottes Sohn Erlöser“ stehen, sowie der mit zwei Linien stilisierte Fisch wurden schließlich schon seit der Zeit des Urchristentums als geheime Zeichen verwendet. Die Atmosphäre an diesem ruhigen Sonntagmittag hatte (es klingt etwas pathetisch, ich weiß) etwas Heiliges an sich und der Fisch war der beste, den ich je gegessen habe. Es war Hecht, der vorher paniert und danach mit Zwiebeln, Curry und Lorbeerblättern in zwei Dritteln Essig und einem Drittel Wasser für 2 Tage eingelegt worden war. Im Geschmack ungefähr süß-sauer.

Diese Anekdote beweist wohl hinlänglich, dass Südafrika ein extrem religiöses Land ist. Debatten, wie die in Deutschland in Jahreszyklen wiederkehrende, über das Tanzverbot am Karfreitag wären hier undenkbar. (Sicherlich ist eine solche Maßnahme in einer weitgehend säkularen Gesellschaft mit laizistischer Verfassung eher fehl am Platz, jedoch muss man bedenken, dass der Tag ein normaler Arbeitstag wäre, wenn er nicht aus historisch-religiösen Gründen freigestellt würde. Einen ruhigen Tag kann man finde ich meistens ganz gut vertragen).

In Südafrika gibt es, neben Hindus, vorwiegend schiitischen Moslems – während ich das hier schreibe, hört man den „Allah akbar“ (übersetzt: „Gott ist groß“) Ruf von der nahegelegenen Moschee – und Naturreligionen eine Vielzahl verschieden geprägter christlicher Glaubensgemeinschaften. Es gibt die Römisch-katholische Kirche, Methodisten, Anglikaner, die Siebenten-Tags-Adventisten (für die der Samstag der geheiligte Tag ist), die Evangelisch-lutherische, die Evangelisch-methodistische und die Evangelisch-reformierte Kirche, Quäker, die Church of Africa und viele weitere, die gesellschaftlich eine ungeheure Präsenz haben. Oftmals gibt es von der gleichen Konfession mehrere Zweigstellen, in denen die Messe in jeweils anderen Sprachen gehalten wird. Daneben gibt es auch noch unzählige spirituelle charismatisch-evangelikale Freikirchen und Sekten, wie die Eagle Christians, das Jubilee House, das Bethesda House, die Zeugen Jehovas…, teilweise auch einfach Häuser an deren Außenwand mit Ölfarbe in etwas ungerader Schrift „Spend one hour with Jesus“ geschrieben steht und aus deren Inneren dumpf ein lauter Mix aus Hip-Hop, Pop und Gospels dröhnt. Gerade diese Freikirchen können großen Zulauf verzeichnen, was wohl auch ein Indiz der Flucht vor alltäglicher Politik, vor dem alltäglichen Bemühen, etwa in einem kriminellen Umfeld zu leben, ist, das man mit einer deterministischen Weltsicht allá „es ist alles so von Gott gewollt“ natürlich besser annehmen kann. Im Allgemeinen halte ich ein religiöses oder spirituelles Fundament für sehr wichtig, nicht zuletzt, da im Zentrum eigentlich aller religiösen Lehren ein friedliches zwischenmenschliches Zusammenleben steht – Religion kann als Korrektiv gegen inhumane Strömungen und (um mal ganz überheblich weit auszuholen) den Egozentrismus des Markts wirken.

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Eine (eher zwielichtige) Gemeinde um die Ecke an der 7th Avenue

 

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Selbiges Gemeindehaus von Hinten – hinter dem Haus an der Ecke türmt sich der Müll, den auch die Gemeinde produziert

Im Speziellen jedoch halte ich insbesondere die eher freikirchlichen Strömungen für tendenziell sehr gefährlich, da ihnen ein unhinterfragtes, unreflektiertes Bibelbewusstsein zugrunde liegt und viel Macht auf eine charismatische Person, zumeist den Pfarrer übertragen wird, was zum Beispiel erheblich zu einem homophoben Klima und einer gewissen Bigotterie beiträgt. Aufgrund der wörtlichen Bibelauslegung dieser Bewegungen werden einzelne Passagen von Demagogen im Sinne ihrer Zwecke missbraucht. Durch eine starke Jenseitsfixierung und einen Teufelsglauben ist es solchen Priestern auch möglich alles als satanisch zu denunzieren, was nicht in ihr Weltbild passt. Hier paart sich die Religion auch nicht zu selten mit einem Verschwörungsglauben, zum Beispiel an die Existenz der Illuminati. So kann Michael Jackson genauso verleumdet werden, wie die Beatles, Jay Z oder die Red Hot Chili Peppers. Das ebenso Traurige wie Schockierende hierbei ist, dass nicht Wenige tatsächlich an diesen kruden Schwachsinn glauben. Immerhin ist Kapstadt, vor allem in der Innenstadt, auch sehr liberal gegenüber Schwulen. Als ich auf der Gay Pride Parade in der Stadt mitlief hat mich die Solidarität von Außenstehenden geradezu umgehaun.

Ein weiteres Phänomen, dem man im Grunde täglich begegnet sind die Bahnprediger, die vor allem in den 3. Klasse Wagen ihr Unwesen treiben.

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Ein Teil der Gay Pride Parade in Green Point

Es kommt einem manchmal ein wenig vor, wie spontanes Improvisationstheater, wenn dann auf einmal ein Mann in der Mitte des Wagons steht, der seine, sich ständig wiederholenden Parolen („holyholy he’s the Lord almighty hallelujah Amen!“ usw. usf.), in eine Lautsprecheranlage bellt. In der Regel sind diese Bahnprediger laut und unangenehm nervtötend. Bei einigen kann man auch an der geistigen Gesundheit zweifeln. Wenige andere jedoch erzählen ruhig ihre Geschichte, viel weniger störend, viel weniger Aufmerksamkeit erregend. Oft tuen sie mir Leid; sie scheinen ehrlich und geben etwas preis und niemanden interessiert es. Es hat ja auch niemand danach gefragt.

Dieses mitunter sehr reaktionäre Religionsverständnis hängt auch teilweise damit zusammen, dass es keine mit der deutschen vergleichbare geistesgeschichtliche Tradition gibt. Lesen möchte man den Scheiß von Lessing (mindestens Emilia Galotti) ja nicht noch einmal aber angesichts dessen kann man ihm und seinen Mitstreitern durchaus dankbar sein, dass sie eine Geistesschule (die Aufklärung) begründet haben, die nachwirkt.

Selbstverständlich gibt es auch sehr progressive religiöse Kräfte im Land. Eine Galionsfigur der südafrikanischen Bürgerrechtsbewegung ist zum Beispiel der ehemalige anglikanische Erzbischof Kapstadts, der Friedensnobelpreisträger Desmond Tutu. Von ihm stammt zum Beispiel die Aussage: „I would not worship a God who is homophobic and that is how deeply I feel about this. I would refuse to go to a homophobic heaven.”

Ein weiterer Grund für die Bedeutung der Kirche in Südafrika ist, dass sie gesellschaftlich eine ganz andere Rolle einnimmt, als die in Deutschland.

Die Kirche unserer Gasteltern ist nicht nur Gotteshaus sondern auch Tanzsaal, Musik- und teilweise auch Sportverein und Freizeitclub.

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Die Uniting Reformed Church Retreat von Innen

In den Gottesdiensten wird fast ausschließlich Afrikaans gesprochen, die Kernthesen des Pastors werden jedoch als Stichpunkte auf Englisch an eine Leinwand über seinem Kopf projiziert, ebenso die Liedtexte. Leider sind diese Thesen nicht zu selten auch mal so stark vereinfachend, dass sie der Sache nicht gerecht werden, oder einfach vorurteilsbehaftet. Es ist seltsam, dass die deutsche Ordnung, einer relativ vorwärtsgewandten evangelischen und einer eher rückwärtsgerichteten katholischen Kirche hier zumindest inhaltlich umgekehrt ist. Viele katholische Kirchen sind sogar einigermaßen tolerant Homosexuellen gegenüber.

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Eine Tanzveranstaltung der zukünftigen Konfirmanden der Uniting Reformed Church

Von der Aufmachung allerdings kommt auch die Uniting Reformed Church sehr modern rüber. Die Kirchenlieder werden von einer amplifizierten Band, dem „Worship Team“ intoniert und dazu wird manchmal auch getanzt. Die Band spielt frei nach dem Prinzip: je lauter, desto besser und jeder spielt halb für sich, halb für den Rest und alles klingt etwas unausgegoren. Doch in ihrer Funktion kommt die Band ja auch eher den Trommlern und Einheizern im Stadion gleich.

 

Apropos Stadion:

Das beliebteste Stadion in Kapstadt ist nicht etwa ein Fußballstadion, sondern ein Komplex aus Cricket- und Rugbystadion, das Newlands Stadium. Das größte ist zwar das Cape-Town Stadium, das jedoch kaum Besucher zählen kann, außer es handelt sich um Top Spiele der südafrikanischen Premier Soccer League. Also Spiele des Ajax Cape Town (ein Ableger von Ajax Amsterdam) gegen die Kaizer Chiefs aus Johannesburg (in etwa äquivalent zu Bayern München) oder gegen die Orlando Pirates (in etwa äquivalent zu Borussia Dortmund), ebenfalls aus Johannesburg.

Die Domäne Fußball wird in Südafrika eher von Coloureds und Schwarzen besetzt, während Weiße Cricket und Rugby bevorzugen. Als wir im Cape Town Stadium waren, beim Spiel von Ajax Cape Town gegen die Kaizer Chiefs war das halbe Stadion am Tanzen. Einer der bewunderten Spieler war Sisipho Tshabalala, der unter anderem das erste Tor bei der Weltmeisterschaft 2010 schoss. Der dominierende Klang war das enervierende „TRÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖT“ der Vuvuzelas und die Farben die überall zu sehen waren Blau und Gelb, die Farben der Chiefs. Beinahe das ganze Stadion war gegen den Heimverein und obwohl die fußballerische Qualität wirklich zu wünschen übrig ließ, war die Stimmung hervorragend. Mit dem Ball, das ist mir auch beim Bolzen auf der Straße aufgefallen, können viele Südafrikaner phantastische Dinge anstellen, jedoch beim geradlinigen nach vorne Spielen, da haperts.

Eine weitere Sportart, die extrem beliebt ist, ist Cricket. Beim ersten anschauen eines Cricketspiels erschließt sich einem die Faszination, die diese Sportart auf Viele ausübt, kaum. Wenn man dann die Regeln kennt, kann man ein wenig mehr verstehen. Mich hat Cricket trotzdem nicht wirklich überzeugt. Es wird für meinen Geschmack etwas zu viel rumgestanden – man merkt den Spielern kaum Anstrengung an. Der Batsman steht vor drei Holzstäben, den Wickets, während der Bowler versucht, diese mit seinem Wurf zu treffen. Wenn der Batsman es schafft, den Ball zu schlagen muss er, in der Zeit, in der die auf dem Feld stehenden Spieler der Gegenmannschaft versuchen den Ball zu kriegen, möglichst oft hin- und herlaufen, um mit dem anderen Batsman zu kreuzen. Werden dahingegen die Wickets getroffen, verliert die Mannschaft des Batsmans einen Spieler… Cricket wird von Weißen, Coloureds und auch Indern bevorzugt.

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Im Newlands Stadium bei einem Spiel der Stormers

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Tribüne im Newlands Rugbystadion

Die dritte große Sportart in Südafrika ist Rugy, das vor allem von Weißen und Coloureds gespielt wird. Ruby sieht, aufgrund der harten Tacklings, sehr martialisch aus. In diese Tacklings können auch gerne Mal große Teile der, 15 Mann starken, Mannschaften, verwickelt sein. Es handelt sich um ein Endzonenspiel, bei dem versucht werden muss, den eiförmigen Ball in das gegnerische Ende des Feldes zu kriegen, oder nach eines Fouls (was auch immer das sein soll), mittels eines Straftritts über die Mittelstange zwischen den beiden senkrechten Stangen des gegnerischen Rugbytores hindurch zu befördern. Einen solchen Tritt erhält eine Mannschaft auch, nachdem sie es geschafft hat, den Ball ins gegnerische Spielfeldende zu befördern. Gepasst werden darf nur nach hinten, geschossen wird der Ball aber auch nach vorne. Auch wenn ich Rugby ein wenig albern finde, macht es sehr viel Spaß, den Sport im Stadion anzusehen. Die Stimmung ist super, die Spieler werden angefeuert oder ausgebuht und Cheerleader sorgen für die Belustigung der Menge. Fünf südafrikanische Mannschaften spielen in der Super Rugby Liga, an der auch Mannschafften aus Australien und Neuseeland teilhaben. Die kapstädtische Heimmannschaft sind die „Stormers“.
Beliebtheit erfreuen sich außerdem die Sportarten Tennis, der kontaktlose, basketballähnliche und recht seltsam aussehende Sport Netball, Schwimmen und natürlich Surfen. So kommt zum Beispiel der Surfer Jordy Smith aus Südafrika.

In diesem Sinne geh ich jetzt mal wieder nach Muizenberg und genieß Wellengang, der in letzter Zeit erstaunlich gut ist. 🙂

 

Insgesamt kann man sowohl über Religion als auch über Sport sagen, dass sie, obwohl es, aufgrund der historischen Prägung natürlich noch unterschiedliche Präferenzen bei der Wahl der Sportart gibt, ein verbindendes Element im gesellschaftlichen Leben darstellen. Es ist sogar recht wahrscheinlich, dass alle Sportarten in Zukunft noch mehr durchmischt werden.

Was die Ausübung von Religionen angeht besteht weitgehender Konsens. Und auch beim Anfeuern der Nationalmannschaften, der Bafana Bafana im Fußball, der Proteas im Cricket und der Springbocks im Rugby besteht Einigkeit in der Regenbogennation.