Menschenrechts-, Gesundheits- und Umweltbildung bei „CISAS“ in Nicaragua

Seit drei Monaten arbeite ich im Rahmen des weltwaerts-Programms im „Centro de Información y Servicios de Asesoría en Salud – CISAS“ (Informationszentrum und Beratungsdienst für Gesundheit) in Nicaraguas Hauptstadt Managua. Da ich Managua und San Carlos, die Partnerstadt meiner Heimatstadt Nürnberg, durch frühere Aufenthalte in Nicaragua schon relativ gut kenne, habe ich im vergangenen Juli bei meiner Ankunft ein schönes Wiedersehen mit meinen Freunden erlebt.

San Carlos, Río San JuanSan Carlos, Río San Juan

Leben in Managua

Ungefähr 1,7 Millionen Personen der ca. 6 Millionen Einwohner des Landes, leben in der Hauptstadt Managua. Die Stadt ist etwas chaotisch, denn nach dem Erdbeben Anfang der 70er Jahre, welches die komplette Hauptstadt zerstörte, wurde das Stadtzentrum nicht wieder aufgebaut. Managua ist eine unglaublich grüne Stadt. Vom Aussichtspunkt Tiscapa aus, glaubt man kaum, dass einem die Hauptstadt zu Füßen liegt, denn es gibt viele Bäume und nur wenige hohe Bauten, so dass die meisten Häuser durch die Bäume bedeckt werden. Unten auf den stickigen Straßen nehme ich das Grün aber leider manchmal nicht mehr richtig war, denn es gibt viel Verkehr und viel Müll. Manchmal hätte ich gerne mehr Ruhe und Natur um mich wie in San Carlos, das direkt am Nicaragua-See liegt, aber dafür gibt es in der Hauptstadt viele kulturelle Angebote, oft zu geringen Eintrittspreisen: Theater, Ausstellungen, alternatives Kino, Konzerte, etc.

Mirador de Tiscapa, ManaguaBlick auf Managua

Ich wohne mit meinen vier Mitbewohnern (drei Nicaraguaner aus San Carlos und eine Holländerin) in einem kleinen Haus in der Colonia „America1“. Colonias sind Stadtteile die aus parallel zueinander liegenden kleinen Straßen bestehen. Das heißt dort kommt kein ständiger Verkehr vorbei und die meisten der Straßen sind Sackgassen. Der Markt Ivan-Montenegro, verschiedene Supermärkte und Straßenverkäufe sind nicht weit weg und die Verkehrsanbindung ist sehr gut. Leider gibt es in der Nähe kaum Kulturzentren, Bars, Theater, Grünflächen und sichere Parks. Denn die verteilen sich kaum über die Stadt und liegen fast ausschließlich in den ökonomisch besser gestellten Stadtteilen am anderen Ende Managuas. Das macht es auch schwieriger am Wochenende abends etwas zu unternehmen, denn die Taxis sind abends und nachts nicht gerade billig.

Meine Freizeit verbringe ich mit Freunden, Büchern oder auf Konzerten. Vor kurzem war ich in Boaco, eine schöne kleine Stadt in den Bergen, ca. zwei Stunden von Managua entfernt. Sie wird auch die „Stadt auf zwei Stockwerken“ genannt, weil ein Teil des Ortes weiter oben liegt als der Rest der Stadt. Dort wurde ein Konzert zu Ehren des verstorbenen Musikers und Umweltschützers Salvador Cardenal veranstaltet, der mit seiner Schwester Katia Cardenal das Dúo Guardabarranco bildete. Seit meinem ersten Nicaragua-Besuch gehören sie zweifelsfrei zu meinen liebsten nicaraguanischen Musikern (http://www.duoguardabarranco.com/).

So oft ich kann besuche ich natürlich Nürnbergs Partnerstadt San Carlos. Dort habe ich im September auch die Unabhängigkeitsfeiertage verbracht. Zu den Fiestas Patrias werden viele Konzerte und traditionelle Tanzvorführungen veranstaltet, die Schulorchester ziehen durch die Straßen und es gibt einen Sportangel-Wettbewerb. Dabei gewinnt, wer den größten und schwersten Sabalo fängt. Der Sabalo darf in der Region Río San Juan offiziell nur im September gefangen werden, doch da der illegale Fischfang weit verbreitet ist, ist er trotz dieser Schutzmaßnahme vom Aussterben bedroht. Ich freue mich schon auf den Wasserkarneval im November, da wird zum Glueck, zumindest offiziell, kein Sabalo gefangen. 

Fiestas Patrias in San CarlosFiestas Patrias in San Carlos, Folklore

CISAS

CISAS leistet seit 30 Jahren Menschenrechts-, Umwelt- und Gesundheitsbildung in Nicaragua. Der Schwerpunkt der Arbeit liegt vor allem im Umweltschutz, dem Zusammenhang zwischen Umwelt, Gesundheit, wirtschaftlichen und sozialen Faktoren, dem Recht auf Gesundheit und Gleichberechtigung, sowie sexuellen und reproduktiven Rechten. Zu diesen Themen wird im Rahmen verschiedener Projektemit Kindern, Jugendlichen und Lehrern an fünf Schulen und in fünf Stadtteilen gearbeitet. Pro Schule und Stadtteil gibt es eine feste Kinder- und Jugendgruppe, die kontinuierlich begleitet wird.

Einige Stadtteile in welchen CISAS tätig ist, sind sehr ländlich. Positiv hierbei ist, dass die Familien noch Platz haben Gemüse und Obst anzubauen und es viel Vegetation gibt. Doch die Straßen sind schlecht und es gibt nicht überall Abwasserkanäle, so dass das Wasser auf die Straße gekippt wird. Die Pfützen auf den Straßen werden zu Brutstätten für die Dengue-Mücke und oft unpassierbar für Autos. Der Abfall ist eines der Hauptprobleme fast aller Stadtteile in welchen CISAS arbeitet. Denn die Müllabfuhr deckt nicht alle Gebiete komplett ab und ist oft unzuverlässig, so dass improvisierte Müllhalden entstehen. Hinzu kommt, dass das Umweltbewusstsein vieler Bewohner noch gering ist. Das bringt nicht nur starke Verschmutzung mit sich, sondern verschlimmert auch die Überschwemmungen während der Regenzeit. Denn dort wo es Abwasserkanäle gibt, werden sie durch den Abfall verstopft. Einige der Stadtteile liegen in den potenziellen Erdbebenzonen Managuas mit erhöhtem Risiko der Umweltverschmutzung und Seuchengefahr im Fall einer Natur-/Katastrophe.

Das Projekt „Alegremia“ und meine Tätigkeiten

CISAS teilt sich in verschiedene Arbeitsbereiche: Verwaltung, Bildung und Kommunikation. Ich wurde dem Bildungsbereich zugeordnet und habe bisher überwiegend im Projekt “Empoderamiento de niños y jóvenes como actores para un medio ambiente mas saludable en Nicaragua” (Empowerment von Kindern und Jugendlichen als Akteure für eine gesündere Umwelt in Nicaragua) mitgearbeitet. Innerhalb dieses Projektes durchlaufen alle Kinder- und Jugendgruppen den gleichen Prozess. Als Basis dient das argentinische Konzept “Alegremia y Salud de los Ecosistemas” („Alegremia und die Gesundheit der Ökosysteme“), ein ganzheitliches und biozentrisches Konzept der Gesundheit von Mensch und Umwelt. Einmal mit dem Konzept vertraut, identifizieren die Kinder und Jugendlichen mittels der Methode “Niño/a a Niño/a” („Von Kind zu Kind“) Probleme ihrer Schule oder ihres Stadtteils. Priorisiert wird das Problem, welches die stärkste Auswirkung auf die meisten der Teilnehmer/innen hat. Anschließend entwickeln die Kinder und Jugendlichen ein Mikroprojekt zur Verbesserung ihrer Problemlage.

Zusammen mit einer neuen Mitarbeiterin wurde ich den beiden Kinder- und Jugendgruppen des Stadtteils Sabana Grande und der Schule Isaías Filippi zugeteilt, welche wir jeweils ein Mal pro Woche besuchen. Mit der Gruppe der Schule, welche relativ neu im Projekt ist, bearbeiteten wir in in den vergangenen zwei Monaten in mehreren Bildungseinheiten das Konzept „Alegremia und die Gesundheit der Ökosysteme“, machten die Kinder und Jugendlichen mit der Methode „Von Kind zu Kind“ vertraut und unterstützten sie bei deren Anwendung. Da die Gruppe des Stadtteils bereits sehr fortgeschritten war, konnten wir in dieser Gruppe gleich damit beginnen, die Entwicklung ihres Mikroprojekts zu fördern. Mittlerweile haben beide Gruppen ihr Hauptproblem identifiziert und das Konzept ihres Mikroprojektes ausgearbeitet. Beide Gruppen identifizierten als dringendstes Problem die starke Vermüllung ihrer Schule und ihres Stadtteils und wollen dem durch den Bau von Müllcontainern entgegenwirken. In meinem Artikel “Alegremia in Nicaragua” wird das Konzept, die Methode und das Mikroprojekt in Sabana Grande genauer vorgestellt:

http://traveltonature.blogspot.com/2013/10/alegremia-in-nicaragua.html.

Metodología Niño/a a Niño/a ("Von Kind zu Kind")

Jugendliche untersuchen mit Hilfe des „Problembaums“ die Gründe und Konsequenzen der Vermüllung.

Ich habe die Arbeit bei CISAS in den ersten drei Monaten als sehr schön erlebt, vor allem die Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen in Sabana Grande und der Schule Isaías Filippi. Ich freue mich sehr, dass alle meine MitarbeiterInnen mir die Möglichkeit gaben mich schnell ins Team und in die Arbeit zu integrieren. So konnte ich bereits nach relativ kurzer Zeit selbstständig im Team arbeiten. Ich bin froh, dass mir so viel Vertrauen entgegengebracht wird und ich fast genau die selben Tätigkeiten ausüben kann, wie die anderen SozialarbeiterInnen. Es gibt nur selten Tage an welchen ich nichts zu tun habe und meine Arbeit ist besonders durch den ständigen Wechsel zwischen Büro- und Stadtteilarbeit sehr vielseitig. Zusammen mit meiner Kollegin bereite ich Bildungseinheiten für die Kinder- und Jugendgruppen vor und führe diese auch durch. Da die Kinder ihr Mikroprojekt durch ein Theaterspiel in ihrem Stadtteil und in der Schule präsentieren wollten, haben wir sie vergangene Woche z.B. mit der Anleitung von theaterpädagogischen Übungen bei ihren Proben unterstützt. Anschließend an die Treffen mit den Kindern und Jugendlichen schreibe ich Berichte über die Einheiten und kurze Artikel für die Homepage von CISAS. Manchmal begleite ich auch meine anderen MitarbeiterInnen in andere Stadtteile und Schulen. Relativ häufig gibt es Workshops an welchen zwei oder drei Vertreter jeder Kinder- und Jugendgruppe teilnehmen, z.B. zu Themen wie Recycling und Kunst, Theater und Radio. Diese Workshops unterstütze ich überwiegend durch die Anleitung von Spielen und Übungen. Außerdem nehme ich an Fortbildungen für das Personal und Team-Sitzungen zur Wochen- und Quartalsplanung, sowie zur Evaluation teil.

TheaterTheater-Vorfuehrung zur Praesentation des Mikro-Projekts

Geschlechtervielfalt

Seit dem Frühjahr arbeitet CISAS zusammen mit den Organisationen ADESENI1, IDSDH2 und Progressio an einem Projekt zur sexuellen Diversität: „Acciones Urgentes contra la discriminación por orientación sexual/ identidad de genero en Nicaragua“ („Eilaktionen gegen die Diskriminierung auf Grund sexueller Orientierung / Geschlechtsidentität in Nicaragua“). Jede beteiligte Organisation hat einen oder zwei Mitarbeiter zur Verfügung gestellt, die nun die „escuela de liderazgo lgbti“ („Schule für Empowerment lgbti„) bilden. LGBTI: Homosexualitaet, Besexualitaet, Transgender, Transsexualitaet/Transidentitaet, Transvestitismus, Intersexualitaet.

Die „Schule“ besteht aus fünf Seminaren zu je vier Tagen und richtet sich an Personen unterschiedlichster Geschlechtsidentitaeten und sexueller Orientierung (LGBTI), mit dem Ziel sie darin zu stärken ihre Rechte einzufordern und sich gegen Diskriminierung zu wehren. Die ca. 60 Teilnehmer kommen aus verschiedenen Organisationen des ganzen Landes und tragen dann wiederum das Gelernte als Multiplikatoren in ihre Organisationen und Gemeinden weiter. Diese 5 Fortbildungen sind so zu sagen der Beginn oder die Basis für die künftige Arbeit in Vernetzung mit den verschiedenen Teilnehmern aus ganz Nicaragua.

Eine der Teilnehmerinnen der „Schule“ gab während des ersten Seminars ein sehr gutes Interview (spanisch):

http://www.cisas.org.ni/story/%E2%80%9Cconciencia_seriedad_no_s%C3%B3lo_pasarela%E2%80%9D

Fortbildungen zum Thema Bakterienresistenz

Im Rahmen der Arbeit des Globalen Netzwerks „ReACT“ leistet CISAS Fortbildungen zum Thema Bakterienresistenz. Dabei ist es vor allem das Ziel den übertriebenen Konsum der Medikamente einzudämmen, der dazu führt, dass es immer mehr Antibiotika-resistente Infektionskrankheiten gibt. Es werden in erster Linie Lehrer fortgebildet, welche das Thema anschließend mit ihren Schülern bearbeiten. In Nicaragua bekommt man in allen Apotheken Antibiotika ohne Rezept und in vielen Apotheken werden sie bereits bei kleinen Beschwerden wie Halsschmerzen empfohlen.

1Asociación por los Derechos de la Diversidad Sexual Nicaragüense

2Iniciativa desde la Diversidad Sexual por los DDHH