Lomé, Klappe die Erste

Lomé, Klappe die Erste

 

Hier bin ich also.

Ich... ich bin Chiara, 18 Jahre alt, mittelgroß, mittelschwarz bzw. -weiß und trotz diesen Sommer abgelegter Reifeprüfung irgendwie nur mittelreif. Für mein Alter hab ich einiges von der Welt gesehn, aber immer aus gut behüteter und irgendwie flüchtiger Touristenperspektive.

Dieses „gut behütet“ wird sich vermutlich auch nicht so schnell abstreifen lassen aber vielleicht lässt sich an der Perspektive ja etwas ändern, denn jetzt bin ich hier.

Hier ist Bé Ablogame, ein Teil Lomés, der Hauptstadt Togos, einem dieser schmalen, westafrikanischen Länder im rechten Winkel Afrikas, der sich Kap von Guinea nennt.

Hier ist also Togo und Togo ist also hier, und wenn ich hier mit jemandem über Deutschland spreche, dann hängen augenblicklich Bilder in der Luft von Arbeit und Fußball und Qualität und Leuten, die wissen, wie´s geht.

Wie was geht?     Dieses allgegenwärtige Wort Entwicklung, um das man nicht herumkommt undvon dem ich nicht weiß,  ob es eigentlich positiv oder negativ klingt. „Die Deutschen haben uns entwickelt.“, hab ich in meinen ersten Wochen hier  mehrmals gehört. Und obwohl das eine wirklich provokante These ist, lässt sich der enorme Einfluss Deutschlands und Frankreichs auf das Land schwer leugnen: Als nach 1884 deutsche Kolonie und infolge des 1. Weltkriegs französisches UN-Mandatsgebiet ist diese Region elementar von der Kolonialisierung geprägt: Grenzverlauf, Amtssprache, Währung und Schulsystem Togos gehen auf koloniale Kontakte zurück, deutsche Entwicklungshilfe unterstützt ein auf 6,5 Millionen Einwohner umgerechnet enormes Militär – obwohl sich das Land außenpolitisch in keinem bewaffneten Konflikt befindet – und die französische Regierung stärkt einem Präsidenten den Rücken, dessen Bild man in DinA-3 Format in jedem büroähnlichen Raum antreffen kann.

Gleichzeitig ist das Verhältnis von Togo zu Deutschland nicht mit dem zu Frankreich gleichzusetzen: Während über die Franzosen häufig geflucht wird, wurde mir die deutsch-togolesische Beziehung von den Leuten als „besonders“ beschrieben, als das kleinere koloniale Übel sozusagen. Vielleicht stimmt das, vielleicht wurden die Schattenseiten hier nur besser verdrängt, ich weiß es nicht.

Es bleibt der Eindruck, als bedeute die Identifikation mit Togo zu großen Teilen auch eine Identifikation mit der deutschen Kolonialisierung, und als könne man die Frage „Was ist Togo?“ nicht beantworten ohne das Wort „Deutschland“ 3 bis 300 mal in den Mund zu nehmen. Was mir aber in vielen Gesprächen so eine Art „Deutschland-repräsentatives“, schlechtes Gewissen  eingeflößt hat, war, dass ich bis vor ein paar Monaten nicht einmal genau sagen konnte, wo Togo auf der Karte überhaupt liegt. Das mag einerseits meiner Aversion geographischen Abbildungen gegenüber geschuldet sein, die es mir sogar erschwert, Oldenburg auf einer Niedersachsenkarte auszumachen, andererseits ist es aber auch bezeichnend für die deutsche Sicht auf Togo, die eher ein Wegkucken ist oder ein „Ups, vergessen…“, einfach, weil es irgendwo anders gerade interessanter war.

Diesen Eindruck hab ich zumindest im letzten halben Jahr gewonnen, als dieses kleine Land immer stärker in meinen Fokus rückte und ich dem einen oder anderen davon berichtete, dass ich die nächste Zeit hier sein werde.

 

Hier bin ich also.    Bin ich also endlich, bin ich also doch, bin ich also jetzt und die nächsten 10 Monate hier, um mich im Zuge meines weltwärts-Freiwilligendienstes, und zu 75% vom Bundesministerium für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit finanziert, möglichst wirtschaftlich entwickelnd und zusammenarbeitend einzusetzen.

 

Für mich heißt das, nicht mit 8, 18 oder 38 wie selbstverständlich irgendwelchen (sehr deutschen) Ideen von Beruf, Familie und Freizeit hinterherzujagen, sondern irgendwie mal kurz inne zu halten  und mich umzusehen.

 

Was mir dabei so vor die Linsen kommt, wird vielleicht die ein oder andere Antwort auf diese „Was ist Togo?“-Frage sein.  Eine Antwort, die auch ohne viel „Deutschland“, „Frankreich“ und „Kolonie“ auskommt, weil Togo mehr ist als eine ehemalige Kolonie.  Was genau, das werd ich versuchen Euch hier mitzuteilen, damit Ihr, sollte Euer Gegenüber in einer Konversation zufälligerweise mal seinen geplanten Freiwilligendienst in Togo erwähnen, anstelle des dümmlich grinsenden „Pogo in Togo, hehehehe …“, mit Kennermiene reagieren könnt:

„Togo, das ist doch dieses schmale, westafrikanische 6,5-Millionen-Einwohner-Land am Kap von Guinea, das…“

 

… möge Eindrucksvolles folgen!

 

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