Zémidjan

Zémidjan

IMG_7054Ich verlasse das Haus, das wie ein riesengroßer weißer Fels mitten im Viertel steht, schiebe den Riegel vor, um das Tor dieser nicht fortzubewegenden Burg zu schließen, und laufe um die Ecke des gegenüberliegenden Kirchsaals. Dort passiere ich wie jeden Morgen, die dort versammelten Schuhputzer und steuere geradewegs auf den Wendepunkt meines Weges zu.

Oléa“, schallt es mir aus mehreren Kehlen entgegen und eine entprechende Menge an Händen schnellt in die Höhe. „Ääh“, nicke ich und schon haben sich meine Gesprächspartner geeinigt, wer nun die Ehre hat mich zu meinem Ziel zu bringen.

Nachdem ich das gewünschte Ende meines Weges genannt habe, frage ich – von der Erfahrung gezwungen – schon vor dem Aufsteigen nach dem Preis. Dieser ist wie immer deutlich höher als angemessen. Kaum bin ich also meine Beschwerde darüber losgeworden, wird mir ein „C’est loin!!“ entgegnet, ganz egal wie weit das Fahrtziel denn jetzt wirklich entfernt ist. Je nach Laune und Tagesform handele ich zunächst den Preis mehr oder weniger hartnäckig und dementsprechend erfolgreich in realistische Zahlengebiete runter und schwinge mich dann behände auf den Rücksitz meines täglich gewählten Transportmittels.

Kaum habe ich dem Fahrer, der in der typischen Berufskleidung – Schildmütze, Sonnenbrille, langärmliges Hemd – arbeitet, mein OK zum Losfahren gegeben, gibt dieser auch schon Gas. Trotz der Sandpisten, aus denen die Straßen meines Wohnviertels bestehen, beschleunigt er immer mehr, was sich auf den breiten, geteerten Straßen zum Stadtkern hin noch verstärkt. Ich wage einen Blick auf den Tacho: „ Ach, doch nur 0 km/h.“

Also weiter in unbekannter, rasend schneller Geschwindigkeit geradewegs auf eine rote Ampel zu, für mein Gefühl viel zu spät werden die Bremsen betätigt und – richtig: die Tachonadel bleibt auf ihrer Nullposition.

An der Ampel wird dann erst mal Ordnung hergestellt, also alle Motorräder zwischen den Autos nach vorne gerollt, ob links oder rechts vorbei, spielt in dem Moment ja keine Rolle.

Die Ampel springt auf grün, Vollgas gegeben und weiter gehts.

Gefühlt befinden wir uns auf einer Vorfahrtstraße, ein Schild, das dies bestätigt, habe ich noch nicht entdeckt. Wichtige Hinweise darauf könnten aber unsere erhöhte Geschwindigkeit und das laute Hupen sein. Diese Regel gilt hier sowieso auf allen Straßen: Wer hupt und rollt, hat Vorfahrt. Je schwerer und größer das Fahrzeug, umso mehr. Bei der nächsten Gelegenheit überholen wir den vor uns fahrenden LKW. Auf der rechten Seite – da war ja schließlich Platz.

Im Slalom geht es dann ein Stück weiter um die großen Schlaglochkrater herum, die die Straße pflastern, auch hier gilt die Regel, dahin wo gerade Platz ist, das kann dann auch mal die Gegenfahrbahn sein.

Auf den nächsten hundert Metern entschließt sich mein Fahrer, dass es doch schön wäre ein Gespräch mit mir zu beginnen. So kommt also die allzu bekannte Frage: „Vous êtes française?“, woraufhin ich erkläre: „Non, je suis allemande.“ Nun gibt es zwei Möglichkeiten. 1) Ich werde auch noch zum Grund meines Aufenthaltes in Togo befragt oder es geht direkt weiter mit 2). Wobei es auch hier wieder zwei Möglichkeiten gibt. Entweder mein Chauffeur stellt fest: „Vous parlez bien français, je pensais vous êtes française.“ oder es kommt die von mir so geliebte Frage: „Vous parlez pas français?“, die ich in den 4 ½ Monaten hier schon so oft gehört habe, das sie eigentlich einen eigenen Text verdient. Was es allerdings über meine Französischkenntnisse aussagt, dass ich nun vermehrt beide Fragen zu hören bekomme, das konnte ich bis jetzt noch nicht herausfinden.

Sind dann alle Unklarheiten geklärt, erreichen wir auch endlich das Fahrtziel, also brav geblinkt und angehalten.

Ich steige von der technischen Wundermaschine mit dem schönen Namen Sanya. Sie ist chinesischer Abstammung und natürlich trotz geschilderter Problemzonen mit der Plakette „Bon Etat“ (gültig bis XX.XX.14) ausgestattet.

Wie so oft habe ich kein Kleingeld und kann dem Fahrer nur einen 1000 Franc CFA Schein reichen. Dieser beschwert sich: „ Il n’y a pas monnaie!“, was mit fortgeschrittener Stunde immer unglaubwürdiger wird, und kann mir dann nach ein paar Minuten warten und in den vielen Hemd- und Hosentaschen kramen, doch das Wechselgeld geben.

Ich bedanke mich und wünsche „Bonne journée.“, als Antwort höre ich „Dankeschön.“. Auch er gehört zu den vielen, die das Gymnasium und eventuell danach auch die Universität besucht haben und am Ende, auch mit Abschluss, doch keine andere Verdienstmöglichkeit als das Motorradtaxi-Fahren finden. So verabschiede ich mich also von dem netten und doch anonymen Herrn und wende mich dem Lycée in meinem Rücken zu, in der Hoffnung, wenigstens diesen Schülern ergehe es später besser.

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